Hilfe mein Kind bockt … Der Schnelltest

 

Buchauszug

Testen Sie Ihre Familie!

Wussten Sie, dass Verhaltensweisen, die wir Menschen uns angewöhnen, zu neunzig Prozent durch Nachahmung und Vorbilder entstehen und nur zu zehn Prozent durch Sprache?

 

Faszinierend, oder? Wissenschaftlich erwiesen!

Das bedeutet auch: Wir wirken neun Mal mehr durch unser Verhalten auf unsere Kinder, als durch das, was wir ihnen sagen und auftragen!

Die gemeinsame Rückschau

Einmal so: Wenn ich mit Eltern gesprochen habe, konnten die mir oft sehr anschaulich erklären, wie das eigene Kind, oft schon in jungen Jahren, sie selbst und Verwandte um den Finger gewickelt hat.

Er oder sie habe Charme, wisse genau was er oder sie wolle und habe eine Gabe, seine oder ihre Interessen geschickt und erfolgreich durchzusetzen.

Oder einmal anders: Schon im Kindergarten habe das eigene Kind begonnen, seinen Willen mit Gewalt zu erreichen. Infernalisches Geschrei beim Einkaufen, wenn es die Süßigkeit an der Kasse nicht gab, ständigen, anhaltenden Trotz, immer unter Strom, schnell beleidigt, schnell wütend, Spielzeug, das durch die Luft fliegt,und so weiter und sofort.

Der Schnelltest

Überlegen Sie einmal, wie Ihr Kind reagiert, wenn Sie auf seinen oder ihren Wunsch mit einem freundlichen begründeten Nein begegnen.

Variante I

Das Kind tut sein Missfallen kund, beschwert sich über die schlimmsten Eltern derWelt, nimmt die Ansage jedoch hin und entspannt sich wieder. Es akzeptiert, dass es nicht alles bekommt, was es will. Man nennt das Frustrationstoleranz,und das bedeutet erst mal keine Probleme.

Variante II

Es bleibt nicht bei der Beschwerde, auch nicht bei den schlimmsten Eltern der Welt, der anfängliche Wunsch wird zur Forderung, und es braucht schon eine intensivere Ansprache, um das Kind wieder zu beruhigen.

Wer an dieser Stelle seinem Kind jetzt Versprechungen macht, belohnt Verhalten, welches er letztlich nicht möchte, und wird sich in absehbarer Zeit neuen Forderungen gegenübersehen.

Variante III

Die Laune ist sofort nach dem Nein völlig im Keller, Diskussionen, freundliche Ansprache, beruhigende Worte – keine Chance.

Das Kind befindet sich sichtlich in Not, hat definitiv kein Verständnis dafür, jetzt nicht zu bekommen, was es will, und kann überhaupt nicht einsehen, dass es irgend jemanden auf der Welt geben könnte, der Grenzen setzt.

Variante IV

Ungefähr so wie Variante III, in verbaler Hinsicht addieren sich noch Flüche, Verwünschungen und Schimpfworte, hinzu kommen Tritte, Schläge, Angriffe, Zerstörungen bis hin zu Atemstörungen, sogenanntem Hyperventilieren, und zu Weinkrämpfen.

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Meine Empfehlung:

Variante I

Ihr Kind hat den Orden der Genügsamkeit verdient. Solange es auch mal nach etwas fragt und eigene Wünsche äußert, brauchen Sie sich nicht darum zu sorgen, dass es vielleicht zu introvertiert oder in sich zurückgezogen und zu anspruchslos ist.

Bei besonders stillen Kindern ist es an Ihnen, Angebote zu machen, sie mal zu locken, aus sich herauszukommen, auch mal etwas zu wollen und sich zu behaupten.

Variante II

Hier braucht es sehr ernste Gespräche außerhalb der „Ich will jetzt etwas“- Situation.

 Damit ist gemeint, in einer ruhigen Situation ernsteVerhandlungen darüber zu führen, wie man sich selbst als Eltern behandelt fühlt und dass man mit diesem aggressiven Verhalten nicht einverstanden ist und so keinesfalls auf Wünsche, die eigentlich Forderungen sind, reagieren wird.

Im günstigen Fall können Sie innerhalb dieses vielleicht eher ruhigen Gesprächs einen achtungsvolleren Umgang miteinander vereinbaren. Wenn Sie jetzt auch noch diese Vereinbarung selbst vorleben und einhalten, nämlich insbesondere in der angespannten Situation um des lieben Friedens willen nicht ein einziges Mal den gestellten Forderungen nachgeben, besteht eine gute Chance, dass Ihr Kind sich sein Verhalten wieder abgewöhnt, weil es ihm keinen weiteren Vorteil bringt.

Schafft es der Racker, Sie nur einmal zu knacken, haben Sie fast verloren, und der Ärger beginnt von vorn.

Sehen Sie es als ein Spiel an und nehmen Sie es sportlich! Sie sitzen meistens doch am längeren Hebel. Dann können Sie vielleicht manchmal im Stillen lächeln und nehmen anfängliche Wutausbrüche nicht persönlich, jedenfalls bei kleinen Kindern nicht.

Bei Jugendlichen finde ich, ist das meist etwas anderes. Sie tragen ein wenig mehr Verantwortung für das, was sie sagen und tun, und sollen wissen, wann sie verletzend sind.

Meistens gibt es dann auch nichts mehr zu lächeln, vielmehr ist es extrem unwitzig, wenn Jugendliche „ausrasten“.

Variante III und IV

Sie erfordern dringend Hilfe, und ich kann kaum nachvollziehen, wie Eltern diesesVerhalten ihrer Kinder überhaupt so lange aushalten können. Es scheint jedoch recht häufig vorzukommen. Die Situation im Supermarkt mit dem eigenen schreienden Kind vor allen Leuten – ein Albtraum, offenbar für viele Eltern: schnell den Euro zusätzlich ausgegeben, dafür nicht auffallen, zunächst also eine erfolgreiche Gegenmaßnahme.

Das große Problem dieser vermeintlichen Lösung ist, dass sie das Verhalten von Kindern, mit Gewalt und Tücke ihre Wünsche durchzusetzen, belohnt und verstärkt.

Wenn kleine Kinder oft und schnell Erfolg mit aggressivemVerhalten haben, gewöhnen sie es sich an. Es ist ja effektiv und hilft, Bedürfnisse erfüllt zu bekommen.

Wenn sich dieses Verhalten festigt und im Kindergarten und in der Schule „perfektioniert“ wird, werden daraus auch viele Probleme mit anderen erwachsen. Die ständigen Auseinandersetzungen mit anderen Kindern und Erwachsenen entwickeln sich zu einem ungewollten Übungsfeld, die Auswirkungen der Kämpfe verhärten sich, werden schlimmer und brutaler.

Je früher Sie sich Hilfe holen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, umso besser. Sie können nicht früh genug damit anfangen, Gewaltlosigkeit vorzuleben und von Ihren Kindern zu erwarten.

Mögliche Ursachen

Eine vereinfacht erklärte Ursache dieser Verhaltensweisen könnte sein, dass ihr Kind offenbar eine ausreichend lange Zeit mit diesem Verhalten in abgeschwächter Form Erfolg gehabt haben muss oder aber ein solches, von Erfolg gekröntes Verhalten bei einem anderen Familienmitglied beobachten konnte.

Dieses Verhalten wird im kleinen Kinderhirn als erfolgreiche Strategie abgespeichert, um eigene Wünsche sofort erfüllt zu bekommen, und in der Folge regelmäßig angewandt, falls erforderlich, auch gern in der Öffentlichkeit. Dann nämlich reagieren die Eltern meist sogar schneller als zu Hause.

Wohlgemerkt ist der Gedanke des Kindes hier nicht als böswillig zu bewerten, sondern er ist ein logischer Schluss aus eigenen Erfahrungen.

Ebenfalls könnte sein, dass es in Ihrer Familie Trennung, Scheidung oder eine chronische schwere Erkrankung gibt und Kinder damit nicht klarkommen. Sie fühlen ein andauerndes eigenes Unglück und entwickeln Schwierigkeiten aufgrund eigener unerfüllter Erwartungen.

Ehe diese, unter der Oberfläche liegenden Probleme nicht erkannt und angegangen, also besprochen werden, wird es nichts nützen, die Auswirkungen, also die schlechte Laune und mögliches aggressives, trotziges oder zerstörerisches Verhalten, zu reglementieren und zu bestrafen.

Daher ist es sehr wichtig, sich intensiv Gedanken darüber zu machen, wo die mögliche Ursache für die Schwierigkeiten liegen könnte, wo oder wann genau die Probleme angefangen haben.

Trotzdem müssen Sie sich nichts gefallen lassen. Egal, wo aggressives Verhalten seinen Ursprung hat, der natürlich herausgefunden werden muss, Sie können Gewaltfreiheit vorleben und erwarten.

Die grundsätzliche Abhilfe

Nehmen Sie der beschriebenen Strategie den Erfolgsanteil und machen Sie sie wirkungs- und sinnlos.

Belohnen Sie positive, erwünschte Verhaltensweisen, ignorieren Sie vermessene Forderungen.

Sein Sie beispielsweise nett zu Ihrem Kind, bleiben Sie beherrscht, aber entschlossen, verstecken Sie Ihre rollenden Augen, Ihren Ärger. Mit Ihrer besonnenen freundlichen Gegenmaßnahme verwirren Sie.

Plötzlich funktioniert die Strategie des Kindes nicht mehr, das stresst erst einmal und macht unglaublich wütend. Das jedoch ist der erste Schritt hinaus aus demDilemma. Da müssen Sie durch!

Aber wie gesagt: Bei Variante III und IV würde ich Ihnen professionelle Hilfe anbieten wollen wie Familientherapie, Erziehungsberatung, eine Spieltherapie für Ihr Kind oder Ähnliches. Etwas, dass das Kind stärkt, insbesondere jedoch auch Sie, die die Wut und Schwierigkeiten ebenso aushalten müssen und dann auch noch besonnen reagieren sollen, weil Sie ja der überlegene Erwachsene sind und nicht mit dem Kind auf gleicher Ebene kämpfen.

Familienchaos für Fortgeschrittene

Ist Ihr Kind schon Jugendlicher, schon 14 Jahre und älter? Und bockt es schon von klein auf? Und bislang haben Sie noch keine Hilfe in Anspruch genommen? Und Sie halten das schon seit Jahren aus? Und einen Partner, der Sie stützt, haben Sieauch nicht?

Ich war wirklich oft geschockt. Die oben skizzierte Situation für fortgeschrittene regelmäßige Eskalation ist kein Einzelfall.

Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren aufwärts beispielsweise, die einfach nicht mehr normal mit ihren Eltern reden. Sie benutzen Fäkalausdrücke, grundsätzlich kommen abwertende Sprüche – unter Jugendlichen nicht immer ernst genommen und fast schon üblich –, aber für Eltern ungewohnt und teilweise sehr verletzend.

Viele Eltern stehen dem fassungslos gegenüber, wenn Kinder zu Jugendlichen geworden sind und einfach machen, was sie wollen. Sie kommen und gehen, wann sie wollen, sagen nicht, wohin.

Wenn sie etwas sagen, stimmt es meist nicht. In der Schule kommen sie nicht an, und wenn sie dort ankommen, machen sie Ärger, und es kommen später Anrufe von den Lehrern, die mit den gleichen Verhaltensweisen nicht zurechtkommen, an denen Sie als Eltern selbst schon lange verzweifeln.

Hier ist ganz klar erkennbar: Es muss dringend etwas geschehen. Es braucht einen großen Knall, eine Erschütterung und einen Neuanfang für alle. In dieser Situation würde ich jedem empfehlen, sich Hilfe zu holen und beim Jugendamt einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung zu stellen.

Hier brennt die Luft.

Liebe Lehrer und Pädagogen: Sie wissen sicherlich, dass bei Verhaltensweisen, wie den hier beschriebenen, mit schulischen Maßnahmen allein oder aber mit pädagogischen Gesprächen Jugendliche und deren Familien nicht aus einer derartigen Sackgasse herauszuholen sind, sondern dass sie intensive, individuell abgestimmte Hilfen brauchen.

Sehr erfolgreich wäre hier, von allen Seiten abgestimmt zu kooperieren: Eltern/Familie, Jugendamt, Schule, Jugendhilfeträger, Freizeiteinrichtungen.

Empfehlen Sie den Gang zum Jugendamt, unterstützen Sie, machen Sie Mut, gehen Sie mit, rufen Sie selbst beim Jugendamt an, melden Sie die Eltern an, wenn ihnen das eine Hilfe ist, hinzugehen. Der Gang ist schwer, fast nicht zu schaffen! Eltern brauchen hier viel Unterstützung. Ein gut gemeinter Rat allein reicht oft nicht aus.

Meine Wunschvorstellung einer gelungenen Familienhilfe ist die: Alle, die irgendwie mit Ihrem Kind zu tun haben, die Erzieher in der Kita,der Hausarzt, die Schule, Freizeiteinrichtungen, wissen um die Schwierigkeit Ihres Kindes, weil Sie als Eltern offen darüber reden können.

Sie als Eltern wissen, was die Fachleute sich ausgedacht haben, welche Programme sie nutzen, damit Ihr Kind lernt, seine Bedürfnisse ohne Gewalt zu erfüllen. Damit Ihr jugendliches Kind später nicht anfängt zu rauchen, zu trinken oder zu kiffen, Probleme nicht zukippt, sondern lebendig löst.

In der Schule ist bekannt, was am Nachmittag im Haus der Jugend für eine Streitigkeit gelaufen ist, und man kann auch in der Schule noch einmal darüber reden, wenn es sich ergibt. Der ambulante Betreuer ist das Bindeglied, kennt alle und koordiniert die Beziehungen und Informationen.

Das klingt erst mal phantastisch und erfunden. Ich könnte Ihnen jedoch von einer ganzen Reihe von Familien erzählen, mit denen ich zu tun hatte und bei denen es ganz genau so abgelaufen ist.

Ein kleiner Exkurs – ADHS

Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ADS oder, gepaart mit Hyperaktivität, ADHS, eine verbreitete Störung,verursacht in Familien und im Umfeld heftige Probleme.

Offiziell sind die entsprechenden Symptom- und Diagnosekriterien von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) nach ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases/internationale statistischeKlassifikation von Krankheiten) und vom DSM, einem amerikanischen Klassifikationssystem für psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, beschrieben und erfasst.

Erkennbar sind im Allgemeinen:

  1. BeeinträchtigteAufmerksamkeit – z. B. träumerisch, sehr schnell ablenkbar, hastig überhüpfender Wahrnehmungsstil – bevor eine gestellte Frage von Ihnen beantwortet wird, stellt Ihr Kind schon drei weitere, es kann nicht auf die Antworten warten.
  • Impulsivität – mangelnde Selbststeuerung (blitzschnelle Einfälle werden sofort umgesetzt, neue Ideen führen zum Abbruch des gerade Angefangenen).

  • Motorische Überaktivität – kann, muss aber nicht sein.
  • Charakteristisch für eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) ist ein ausgeprägt unaufmerksames und impulsives Verhalten, vor allem in Gruppensituationen.
  • Bei derAufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) kommen noch Unruhe und übermäßiger Bewegungsdrang dazu.
  • Die Störung tritt schon im frühen Kindesalter auf.
  • Sie ist nicht nur vorübergehend (hält also schon mindestens länger als sechs Monate an).

ADHS ist keine zusammenfassbare Menge unerwünschter Verhaltensweisen, die sich im familiären Kreis ohne weitere Unterstützung, also allein durch eigenes konsequentesVerhalten, auflösen lässt.

Es ist wichtig, dass es eine ärztliche Diagnose, therapeutische Hilfe und Beratung für Sie als Eltern gibt.

Holen Sie sich unbedingt Hilfe!

Die entstehenden Situationen wirken sehr leicht wie eskalierende Streitigkeiten mit aufsässigen Kindern, die Grenzen nicht sehen (wollen) und partout nicht gehorchen. Sehr schnell entstehen heftige Kämpfe und Auseinandersetzungen bis hin zum körperlichen Angriff, in Wirklichkeit befinden sich ADHS-Kinder jetzt in großen Schwierigkeiten, weil sie vollkommen überfordert sind mit der aufwühlenden schmerzhaften Streitigkeit.

Wenn wir Erwachsenen diesen Gedanken berücksichtigen, ist es leichter, die verbalen und körperlichen Impulse nicht als persönlichen Angriff zu werten, obwohl sie ganz genauso aussehen, sondern die anerkannte psychische Störung zu erkennen und therapeutisch behandeln zu lassen.

… Auf Wiederlesen im Buch? Hier erhältlich.